#Älterwerden – das Altern der Eltern

Dieser Text gehört zu der Themenreihe #Älterwerden von @meterhochzwei, für deren Blog ich dies als Gastbeitrag verfassen durfte.

 

Meinen Eltern geht es gut, sie sind gesund und aktiv. Sie achten auf ihre Ernähung und treiben Sport. Meine Mutter arbeitet halbtags, mein Vater ist seit letztem Sommer in Pension. Sie lachen viel und gönnen sich ab und an ein Glas Wein und knabbern dabei ein paar Chips.Ich besuche sie ein bis zwei Mal in der Woche, denn sie wohnen nur ein paar Kilometer entfernt. Zu den Feiertagen kommt meine Schwester zu Besuch und wir vier verbringen dann ein paar entspannte Tage zusammen. Ich hoffe das bleibt sehr lange so.

Aber natürlich weiß ich auch, dass dies nicht für immer ist. Ich erlebe das täglich, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. In dem Haus in dem ich lebe wohnt Praterre ein netter älterer Herr. Er lebt allein und hört nicht mehr ganz so gut. Er ist Diabetiker und mittlerweile auf einen Rollator angewiesen. Er ist sehr freundlich, zuvorkommend und nimmt immer meine Pakete an, wenn ich nicht da bin. Dafür schenke ich ihm ab und an eine Tafel Diabetikerschokolade, die er mag. Die Hausgemeinschaft hier übernimmt seine Aufgaben wie Flurwoche und Mülltonnen rausstellen und greift ihm unter die Arme. Vor seiner Wohnung steht ein kleiner Hocker, wie man ihn aus dem Kindergarten kennt. Wer morgens als Erster das Haus verlässt, nimmt eine Zeitung von dem Stapel und legt sie ihm auf das Höckerchen, damit er sich nicht bücken muss. Zwei mal am Tag kommt der ambulante Pflegedienst und schaut nach dem rechten. Um den Hals trägt er einen Notrufknopf  für den Notfall.Zwei Mal war schon der Krankenwagen da und musste ihn mitnehmen. Einmal in der Woche kommt seine Tochter vorbei und besucht ihn. Doch abends, wenn alle Dinge erledigt sind, alle Medikamente verteilt und alle Nachbarn in ihreren eigenen vier Wänden sind ist er allein. Er isst allein sein Abendbrot, schaut ein wenig fern und legt sich allein ins Bett. Anderen Besuch bekommt er nicht. Seine Frau lebt schon seit einigen Jahren nicht mehr.

Vor einigen Monaten erhielt ich einen Anruf meiner Mutter. Ungewöhnlicherweise rief sie mich am Vormittag auf dem Handy an. Das tut sie sonst nie, da sie weiß, dass ich im Büro bin und nicht ans Telefon gehen kann. Doch ich hatte gerade ein wenig Leerlauf und ging ran. In ruigem Ton sagte sie, dass sie mit meinem Vater in der Notaufnahme sei, da er gestürzt sei und sie ihn nun durchchecken mussten.

Umgehend durchfuhr mich ein Schrecken bis tief ins Mark. Ich ließ alles stehen und liegen und machte mich auf direktem Wege auf in die Notaufnahme. Dort fand ich meinen wartenden Vater vor – mit blauem Auge, einer Blutunterlaufenen Nase und einigen Macken im Gesicht. Seiner Natur entsprechend begrüßte er mich mit einem Witz darüber dass er mit der Toilettentür in eine Schlägerei geraten sei. So wie er aussah, fand ich das allerdings nicht so lustig. Es war so, dass er in der Nacht zur Toilette gegangen und danach zu rasch aufgestanden war. Daraus folgend hatte er eine Ohnmacht erlitten, auch Miktionssynkope genannt.

Er hatte in dem engen Bad das Bewusstsein verloren und war wie ein nasser Lappen vornüber gegen die Innenseite der Toilettentür geknallt, mit dem Gesicht voran. Dort muss er eine Zeit gelegen haben, denn als er wieder zu sich kam, war ihm schon kalt geworden. Er ging zurück ins Schlafzimmer, das damals noch im Dachgeschoss lag, und weckte meine Mutter mit den Worten „Kannst du mal gucken, ich glaub ich hab da was im Gesicht.“ Da es mitten in der Nacht war und er sich sonst gut fühlte bestand mein Vater darauf erst einmal weiter zu schlafen um dann am nächsten Tag ins Krankenhaus zu fahren (alleine bei dieser dusseligen Idee könnte ich schon die Wände hochgehen – aber nun gut.)

So saßen wir da also und warteten Stunde um Stunde auf einen Arzt. Mein Vater fühlte sich bis auf ein paar Kopfschmerzen gut, aber er sah mit den Macken und Flecken im Gesicht einfach sehr mitgenommen aus. Er hatte sich an dem Morgen nicht rasiert und man merkte ihm an, dass die restliche Nacht auch nicht sehr erholsam gewesen sein dürfte.

In diesem Moment betrachtete ich meine Eltern, wie sie nebeneinander saßen und mir wurde bewusst, dass die beiden eben nicht mehr diese alterlosen Wesen waren, wie ich sie immer erlebt hatte. Damit meine ich, dass meine Eltern immer irgendwie waren wie sie waren – so als hätten sie kein Alter. Natürlich feierten wir jedes Jahr einen weiteren Geburtstag, aber in meinen Augen waren sie nie „alt“. Sie trieben Sport, gingen aus, machten Urlaub. Sie machten das was sie immer machten, seit ich sie eben kannte. Als Kind begreift man noch nicht welches Verhältnis Alter in einem Leben einnimmt, aber in diesem Moment dort in der Notaufnahme merkte ich schlagartig, dass auch meine Eltern „alt“ wurden. Mein Vater ist 62 und meine Mutter 59. Betrachtet man die heutige Lebenserwartung ist das wirklich „kein Alter“. Jedoch weiß ich noch genau, dass meine Großmutter värtlicherseits 64 war als sie starb. Der Gedanke daran, dass meine Eltern bald in dem selben Alter sind gruselt mich ungemein.

Seit dieser Begebenheit im Krankenhaus fielen mir immer wieder Dinge auf, die meiner Aufmerksamkeit früher entgangen waren. Kleine Helferlein zogen bereits vorsorglich in den Haushalt meiner Eltern ein, nicht weil sie darauf angewiesen waren, aber weil sie bestimmte Dinge eben erleichterten. Das Schlafzimmer wurde vom Dachgeschoss auf die Ebene verlegt, in der auch das Bad liegt und atsächlich bin ich auch sehr froh darum, dass mein Vater, ein geborener Malocher und Handwerker, nun endlich beginnt seine körperlichen Grenzen zu erkennen. So ist es eben nicht mehr notwendig, dass er über ein Fenster auf das Dach des Hauses kraxelt um die Satelitenschüssel neu zu montieren. Ebensowenig muss er nun die eingelagerten Reifen aus dem Keller in die Garage schleppen. Er hat gelernt, dass ihm die Knochen häufiger weh tun als früher, wenn er sich körperlich betätigt und ich bin heilfroh, dass er bereit ist (zumindest im Ansatz) Hilfe anzunehmen.

Das zweite Mal rückte das Thema „Älterwerden“ in meinen Fokus als meine Eltern ihren letzten Urlaub planten. Sie wollten eine längere Kreuzfahrt machen mit Startpunkt Miami Florida, USA. Sie lieben das Reisen und schauen sich gerne die Welt an, so weit weg waren sie aber noch nie. Ihre Planung fiel in den gleichen Zeitraum wie die Anschläge in Paris. Als ich mich ein paar Tage später mir eine Freundin traf, fragte sie mich ob ich wüsste wie man eine Patientenverfügung aufsetzte, für den Fall dass ihr und ihrem Mann mal etwas passieren sollte. Die Anschläge hatten ihr Angst gemacht und sie wollte, dass im Falle eines Falles alles geklärt sei.

„Im Falle eines Falles“. Ein hypothetisches Konstrukt in ferner Zukunft oder Eventualität. Oder, doch nicht? Das Gespräch mit meiner Freundin erinnerte mich daran, dass meine Eltern nie mit uns Kindern über eben solch einen Fall gesprochen hatten. Was wäre wenn..einer von den beiden verungkückt, erkrankt, sich verletzt, einen Schlaganfall erleidet, oder beiden gleichzeitig etwas passiert, etc.? Nach der Geschichte mit dem Krankenhaus schien mir eine solche Eventualität irgendwie ungemein näher gerückt zu sein als zuvor (auch wenn natürlich in jedem Alter etwas passieren kann).

In der nächsten Woche fuhr ich zu meinen Eltern und bat sie eine Patientenverfügung auszufüllen. Nach einer weiten Woche besuchte ich sie erneut um mir meine Abschrift abzuholen. Ich blätterte die Seiten durch und fand am Ende der Verfügungen je einen Absatz zu den Wünschen meiner Eltern, was im Falle des eingetretenen Todes zu veranlassen sei. Ich musste mehrmals tief Luft holen als ich die Zeilen las, die dort standen. Es war nicht der Inhalt der mich traf, sondern eher wie genau sich meine Eltern mit dem Fall ihres eigenen Ablebens auseinander gesetzt hatten.

Mir wurde klar, dass sie sich mit ihrem eigenen Älterwerden sehr wohl beschäftigt und alle Eventualitäten bereits durchgespielt hatten, und dass meine Schwester und ich, als ihre Kinder, dies nur nie gesehen hatten, weil sie eben immer unsere Eltern waren, wie sie eben waren – ohne Älterwerden. Doch das ist nun ein bisschen anders. Ich sehe dieses Alter nun und ich hoffe es lässt sich noch eine ganze Menge Zeit, in der wir Wein trinken und Chips essen können.

Seit zwei Wochen sind die Rolladen der Wohnung in der Parterre heruntergelassen. Der kleine Hocker steht ebenfalls nicht mehr vor der Tür.

 

 

 

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